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Eine weitere Weihnachtsgeschichte

von Brigitte Kaufmann
am

Wieder einmal sind die Weihnachtsvorbereitungen bei den himmlischen Wesen in vollem Gange. Petrus befestigt gerade den goldigen Stern am Himmelstor, als er von einem kleinen Engel über den Haufen gerannt wird und mit dem Hammer statt des Nagels seinen Finger trifft. Petrus’ Schmerzensschrei ist bis ins hinterste Himmelsgewölbe zu hören. «Ups, sorry», der ausgebremste Engel blinzelt ängstlich zum himmlischen Portier und erwartet eine Schimpftirade. Doch Petrus gibt sich versöhnlich und fragt den kleinen Engel nach dem Grund seiner Eile. Der hält ihm einen Brief entgegen. Petrus öffnet ihn etwas umständlich, weil ihn sein Finger immer noch schmerzt. Er liest: 
 
«Die Menschen bekriegen sich und flüchten. Das Klima spielt verrückt. Grosse Hitze, klirrende Kälte, Überschwemmungen, gewaltige Stürme, Gletscher, die rapide schmelzen. Die Meere sind verschmutzt und voller Plastik. Monokulturen und die Abholzung des Regenwaldes schaden der Umwelt. Die sozialen Medien triefen vor Fake News und Hassbotschaften. Die Erde wird zugrunde gehen. Diesen Weltschmerz ertrage ich kaum.» Fiona 
 
«Und das ist noch nicht alles», ereifert sich der kleine Engel, «auf der Erde gibt es ganz viele Menschen, vor allem junge, die so denken.» «Hmm», Petrus seufzt, «das ist arg. Dann bist du einer von den Sondierungsengeln, die schauen, was die Menschen auf der Erde brauchen?» «Genau, und Eile tut Not, sonst verbringen diese jungen Erdenbürger Weihnachten in Trübsal.» Petrus überlegt. «Das ist wohl ein Fall für Hope, Peace und Freedom. Ich suche sofort diese drei Engel und mache sie startklar für die Erde.»  
  
«Du besuchst die politischen und unschuldigen Gefangenen!» Vor dem Himmelstor schaut Petrus dem wunderschön blauschimmernden Engel eindringlich in die Augen. «Und nimm genügend Freiheitsfederchen mit, die du verschenken kannst.» Freedom nickt und macht sich auf den Weg, um zu packen. «Und du, lieber Peace, besuchst die Diktatoren und anderen friedensverhindernden Individuen. Aber sei vorsichtig, die machen auch vor Engeln nicht halt. Du kannst den himmlischen Weichspüler mitnehmen. Für ihre Herzen.» «Geht klar», sagt Peace und schon schwebt der farbenfrohe Engel sanft davon. 
 
«Und nun zu dir, Hope.» Petrus zeigt dem golden strahlenden Engel den Brief. «Zuerst tröstest du Fiona und danach schenkst du allen Menschen Hoffnung, die sie brauchen. Als Symbol kannst du ihnen kleine blaue Himmelsblumen schenken.» Mit diesem Auftrag richtet auch Hope seine Flügel und verschwindet durch die Himmelstür. Hope ist sich seiner schwierigen Aufgabe bewusst. Eine Jugendliche zu trösten, die den Weltschmerz nicht mehr erträgt, ist schwer. Und den Menschen Hoffnung zu schenken, auch. 
 
Hope findet Fiona in ihrem Zimmer auf der Suche nach dem Brief. «Den hat der Sondierungsengel mitgenommen!» Fiona wirft vor Schreck einen Stuhl um, als sie die Stimme hört und einen Engel auf ihrem Bett sitzen sieht. «Spinnst du? Wer bist du? Und was ist ein Sondierungsengel? «Das ist ein Kollege von mir, der schaut, was die Menschen auf Erden brauchen. Er hat deinen Brief gefunden und gemeint, du sollst getröstet werden, damit du wieder Hoffnung schöpfst. Ich bin Hope, der Hoffnungsengel.» Er hält Fiona den Flügel hin. Doch diese murrt, dass sie seit Corona niemandem die Hand gebe. Auch nicht einem Engel. «Du bist wirklich hoffnungslos!» meint Hope. «Aber ich verstehe dich. Die Welt spielt manchmal verrückt!» Fiona beruhigt sich allmählich und setzt sich. Bald reden die beiden, als ob sie alte Freundinnen wären. 
 
«Ich glaube, du hast mich verzaubert!» meint Fiona nach einiger Zeit. «Ich fühle mich schon viel leichter. Das Reden tut mir gut. Und wenn du sagst, dass wir jungen Menschen ganz wichtig sind für diese Erde, weil wir Berufe erlernen oder studieren und forschen und Lösungen finden, die für den Erhalt der Erde und das Zusammenleben wichtig sind, dann fühle ich in mir ein wenig Hoffnung. Und dass wir uns mit anderen Menschen verbinden sollen, um dem Guten eine Chance zu geben, leuchtet mir ein. Vielleicht gründe ich in der Schule eine Umweltgruppe. Oder mache sonst etwas Sinnvolles. Im Kleinen tätig zu werden, gibt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Diesen Satz werde ich mir auch merken.» »Und deine Grosseltern kannst du zu den Klima-Senior:innen schicken!» Fiona und Hope müssen nun doch schmunzeln. Hope gibt zu bedenken, dass pessimistische Zukunftsgedanken immer wieder das Denken beeinflussen können. «Darum lasse ich dir ganz viele blaue Himmelsblumen hier. Die sind ein Symbol für Hoffnung. Du kannst sie behalten oder verschenken, ganz wie du willst. Aber nun muss ich weiter. Es gibt noch so viele Menschen, die einen Hoffnungsengel brauchen.» Fiona umarmt Hope. «Soviel zu deiner Konsequenz, nach Corona niemandem die Hand zu geben», grinst Hope und schwebt mit dem Flügel winkend davon. 
 
Der Weihnachtstag ist da und alle Engel fliegen dem Himmel zu, um die Geburt des Christkindes miteinander zu feiern. Hope, Peace und Freedom treffen sich an der Himmelspforte. Sie sehen etwas zerzaust und übernächtigt aus. «Was bin ich müde», stöhnt Peace. «Diese Staatsmänner sind schon harte Brocken. Ich musste zehnmal zurückfliegen und himmlischen Weichspüler nachfüllen.» «Und ich hatte zu wenig Freiheitsfederchen. Ich musste mir noch ein paar ausrupfen.» Verschämt zeigt Freedom auf eine kahle Stelle an seinem Hinterteil. «Ich habe alle blauen Himmelsblumen verteilt. Es ist unglaublich, wie viele Menschen Hoffnung brauchen.» Hope gähnt und flüstert: «Was meint ihr, sollen wir uns vor dem grossen Weihnachtsfest noch etwas ausruhen?» Verstohlen schleichen sich die drei Engel davon und fallen müde in ihre weichen Himmelsbetten. Leise hören sie noch die wunderbare Melodie von «Stille Nacht, heilige Nacht» Dann schlafen sie ein und träumen von einer hoffnungsvollen, friedlichen und freien Welt. 
 
Brigitte Kaufmann