Eine Weihnachtsgeschichte
Diese Geschichte spielt in den 70er-Jahren in einem mittelgrossen Dorf in der Schweiz. Zwei Tage vor Weihnachten war es Tradition, ein Fussballturnier auszutragen. Zwölf Jugendmannschaften nahmen jeweils daran teil. Das Besondere daran war die Tatsache, dass ein Scout die Spieler akribisch beobachtete. Die besten Fussballer wurden gefördert und erhielten zum Teil sogar Stipendien.
Die Mannschaft von Antonio hatte das ganze Jahr über hart trainiert und sie waren überzeugt, ein gutes Resultat zu erzielen. Eine grosse Sorge beschäftigte sie aber. Sie waren nur elf Spieler, da sich vorige Woche zwei verletzt hatten.
Antonio liebte das Fussballspiel als Hobby. Er hatte aber nicht den Ehrgeiz, darin eine Karrieremöglichkeit zu sehen. Seit jeher wollte er Arzt werden. Das war sein Traum. Im Gegensatz zu seiner Schwester Maria, die jede freie Minute mit den Buben auf dem Schulhausplatz Fussball spielte und ihnen in nichts nachstand. Doch für ein Mädchen war es in dieser Zeit und in diesem Dorf unmöglich, in einer Knabenmannschaft zu spielen. Dies fand Maria so ungerecht, dass sie manches Mal mit sich und dieser Situation haderte.
Doch sie übte weiterhin und die Spielfreude kam ihr nicht abhanden.
Der grosse Tag war da. Die Mütter und Väter standen am Spielfeldrand und feuerten ihren Nachwuchs an, als wollten sie aus allen Spielern kleine Pelés machen. Sechs Mannschaften waren schon ausgeschieden. Die Fussballelf mit Antonio spielte gut und ihr Trainer war rundum zufrieden.
Plötzlich ging ein Raunen durch die Zuschauermenge. Antonio war gestürzt und hielt sich den Fuss. Er winkte dem Schiedsrichter. «Ich glaube, ich kann nicht mehr spielen. Mein Fuss scheint verstaucht zu sein.» Antonio humpelte zum Spielfeldrand. Der Trainer war entsetzt: «Mit zehn Spielern haben wir keine Chance, das Turnier zu gewinnen. So ein Pech!»
«Dann spiele halt ich für Antonio!» Der Trainer und einzelne Spieler schauten, woher die Stimme kam und staunten nicht schlecht, als Maria über die Absperrung sprang und dem Trainer erklärte, wie gut sie spielen kann.
«Kommt nicht in Frage, Mädchen spielen nicht in einer Mannschaft, die lenken nur ab.» «Aber Maria spielt wirklich gut!» Antonio setzte sich vehement für seine Schwester ein. Und als schliesslich der Schiedsrichter Maria erlaubte, zu spielen, konnte auch der Trainer nicht mehr dagegen sein.
Und wie Maria spielte. Sie dribbelte gekonnt die Spieler aus, stürmte nach vorne und schoss mit einer Wucht auf das Tor, dass der Torhüter alle Hände voll zu tun hatte. Die Mannschaft von Antonio und Maria schaffte es schlussendlich ins Finale. Über diesen Match wurde im Dorf noch lange geredet. Maria schoss einen Hattrick und war auch sonst verantwortlich für viele tolle Pässe. Die Mannschaft von Maria gewann das Finale 7:3.
Am Weihnachtsabend sassen Maria, Antonio und ihre Eltern vor der Krippe und dem Weihnachtsbaum. Sie sangen Stille Nacht, bevor sie die Geschenke auspackten. «Das war gestern wirklich ein verrückter Tag», Maria ist ganz aufgeregt. Dass der Scout nach dem Match sofort zu mir gekommen ist, hätte ich nie gedacht.» «Und dass du, Schwesterherz ab dem neuen Jahr in der Stadt in einer Frauenmannschaft trainieren kannst, ist sicher dein schönstes Weihnachtsgeschenk.» Antonio schmunzelt. «Ich glaube aber», sein Lachen wird immer breiter, «mein Geschenk ist noch viel besser.» Er übergibt Maria ein Päckchen. Sie öffnet es. «Eine Schokolade?» «Du hast recht, ich liebe Schokolade. Aber was steht da drauf? «Mein verstauchter Fuss ist mein Geschenk an dich.» Maria ist sprachlos. «Darum hinkst du nicht mehr? Du hast nur simuliert, damit ich spielen kann?» Antonio grinst jetzt über das ganze Gesicht. «Ja, damit du zeigen kannst, was du drauf hast. Und damit der Scout sehen konnte, wie gut du spielst. Fussball ist doch dein Leben. Als Mädchen hättest du doch sonst keine Möglichkeit gehabt, auf dich aufmerksam zu machen. Also musste ich ein wenig nachhelfen.» Maria war so gerührt, dass sie ihren Bruder spontan umarmte und sich eine kleine Träne den Weg über ihre Wange suchte.
Zehn Jahre später spielt Maria als Profi in einer englischen Mannschaft. 1993 werden sie englischer Meister. Antonio hat seinen Wunschberuf gewählt. Er arbeitet als Arzt in einem Kinderspital. Weihnachten in den 70er-Jahren werden sie nie vergessen.
Brigitte Kaufmann