Zwei Schwestern in fünf Disziplinen
Viele Menschen lieben Sport. Manche betreiben sogar zwei oder drei Sportarten. Zwei Schwestern aus Münchenwiler haben sich für eine Sportart mit gleich fünf verschiedenen Einzeldisziplinen entschieden.
Viele Menschen lieben Sport. Manche betreiben sogar zwei oder drei Sportarten. Zwei Schwestern aus Münchenwiler haben sich für eine Sportart mit gleich fünf verschiedenen Einzeldisziplinen entschieden.
Leah (14 Jahre) und Malin (12 Jahre) Kocher teilen als Schwestern die Leidenschaft für eine aussergewöhnliche Sportart: Der Moderne Fünfkampf hat sie mit seiner Vielseitigkeit und seinen besonderen Herausforderungen gepackt. Engagiert durch ihre Eltern unterstützt, trainieren die beiden Münchenwilerinnen in Bern und Murten für nationale und internationale Wettkämpfe. Die ältere Schwester ist sogar bereits Inhaberin der Swiss Olympic Talent Card National. Was der Sport für sie bedeutet und wie er sie gefunden hat, berichten sie uns in diesem Interview.
Leah und Malin, der Moderne Fünfkampf ist ein besonderer, noch nicht sehr verbreiteter Sport. Wie seid ihr dazu gekommen und was macht die besondere Faszination dieser Sportart aus?
Wir kommen ursprünglich vom Schwimmen. Ein ehemaliger Fünfkämpfer hat uns gesagt, dass wir doch auch fechten könnten. Also haben wir das ausprobiert. Beim Fechten hat uns dann Florence Dinichert angesprochen. Sie ist Nationalcoach vom Modernen Fünfkampf und meinte, wir sollten doch auch die anderen Disziplinen mal ausprobieren. So sind wir schliesslich beim Fünfkampf gelandet.
Uns gefällt die Vielfalt und Abwechslung dieses Sports. (Leah und Malin einstimmig)
Es ist toll, in einem Wettkampf so viele verschiedene Disziplinen zu haben. Dadurch wird auch das Training nie langweilig.
Die fünf Disziplinen des Pentathlons sind Fechten, Schwimmen, Obstacle und LaserRun (eine Kombination aus Laufen und Schiessen). Sie verlangen sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Trainingsanlagen. Wie sieht eine normale Trainingswoche bei euch aus?
Malin: Viermal pro Woche trainieren wir Schwimmen beim Schwimmklub Region Murten, zweimal fechten wir im Fechtclub Bern und ein Lauftraining pro Woche absolvieren wir beim AC Murten. Das Laserpistolen-Schiessen trainieren wir zuhause im Wohnzimmer. Das Training für die neue Disziplin Obstacle ist zurzeit noch schwierig, weil es in der Schweiz noch keine Anlage gibt. Wir behelfen uns deshalb momentan mit Krafttraining, z. B. mit Klimmzügen.
Leah: Ich habe ein Lauftraining mehr und übe auch das Laserpistolen-Schiessen häufiger als meine jüngere Schwester.
Die Trainings müssen grundsätzlich um die Schule herum geplant werden. (Leah)
Ich habe die Swiss Olympic Talent Card National. Dadurch habe ich einen Dispens für einige Schullektionen und darf während dieser Zeit trainieren.
Welchen Einfluss hat dieser zeit- und trainingsintensive Sport auf euer Leben in der Schule und der Freizeit?
Leah: In der Schule muss ich den Stoff teilweise nachholen, wenn ich für die Trainings oder Wettkämpfe fehle. Ich habe weniger Freizeit als meine Kolleginnen. Aber ich habe viele Freunde im Sport, die ich im Training sehe. Nach der 8. Klasse wechsle ich in die Sportklasse des Gymnasiums Neufeld, damit ich drei Halbtage pro Woche für das Training zur Verfügung habe.
Malin: Ich fehle nicht so viel in der Schule wie Leah, weil man in der Mittelstufe im Kanton Freiburg nicht so einfach für den Sport «frei» bekommt. Ab Sommer gehe ich dann in die OS Murten. Weil ich dank der Swiss Olympic Talent Card ab nächstem Jahr im Sport-Förderprogramm bin, werde ich in Zukunft auch einen Dispens für gewisse Lektionen bekommen. Das hilft mir für mein Trainingspensum.
Das intensive Training, die verschiedenen Trainingsorte, die Wettkämpfe verlangen viele Wege, Reisen, Kosten und z. B. auch Koordination verschiedener Termine in der Familie. Wie unterstützen euch eure Eltern dabei? Und welche Herausforderungen habt ihr als Familie zu bewältigen?
Unsere Eltern unterstützen uns sehr, vor allem beim ins Training fahren und bei den Kosten. Ohne diese Unterstützung und Begleitung ginge es gar nicht.
Bilderstrecke Leah Kocher
Der Fünfkampf ist eine sehr alte olympische Disziplin, wurde aber in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder angepasst. 2009 wurden z. B. die ursprünglich getrennten Disziplinen 3000-Meter-Lauf und Schiessen zum «LaserRun» zusammengefasst. Ab 2024 entfällt nun die Disziplin des Springreitens und wird durch «Obstacle» ersetzt. Diese Massnahme soll die Sportart zeitgemässer machen und ihren Bestand als olympische Disziplin sichern. Wie steht ihr zu den wiederholten Anpassungen und zur letzten Veränderung Obstacle statt Springreiten?
Leah: Ich finde, der Moderne Fünfkampf hat viel Tradition. Trotzdem sind die Modernisierungen gut und zeitgemäss. Da ich selbst nie an Wettkämpfen geritten bin, hänge ich nicht sehr an dieser Disziplin. Mit Obstacle kann ich bereits jetzt in meinem Alter in allen fünf Disziplinen starten. Ich habe von Anfang an LaserRun gemacht. Ältere Athleten haben mir gesagt, dass es damit viel einfacher ist, weil man keinen Schiesskeller mehr braucht und mit der Laserpistole im Wohnzimmer trainieren kann.
Malin: Auch für mich war es keine grosse Umstellung, weil ich noch nie richtig Springreiten trainiert habe und einfach mit Obstacle anfangen konnte.
Ihr nehmt beide an internationalen Wettkämpfen teil, wenn auch durch euren Altersunterschied noch nicht in derselben Kategorie. Wie geht ihr mit dem Thema Konkurrenz um? Als Schwestern im gleichen Sport ist es sicherlich nicht immer einfach, wenn die eine erfolgreicher ist als die andere.
Malin: Ich gönne es meiner Schwester, wenn sie gut war. Ich vergleiche mich nicht so richtig mit ihr, weil sie zwei Jahre älter ist. Aber ich orientiere mich an ihr, weil sie mehr Erfahrung hat als ich.
Leah:Ich orientiere mich nicht besonders an meiner Schwester, da sie jünger ist. Wir sehen uns nicht als Gegnerinnen, sondern unterstützen uns gegenseitig. Jede gönnt der anderen die Erfolge, sei es im Modernen Fünfkampf oder an anderen Wettkämpfen wie den Schwimm- oder Fecht-Wettkämpfen oder, wenn eine von uns ein gutes Resultat an einem Volkslauf erreicht.
Bilderstrecke Malin Kocher
Wie haltet ihr eure Motivation hoch, wenn sie mal im Keller ist? Wenn z. B. das Wetter schlecht ist, ihr müde seid, ein Anlass mit Freund*innen oder im Sommer die Badi lockt oder Misserfolge frustrieren?
Leah: Im Sommer bin ich für das Schwimmtraining sowieso in der Badi. Wenn es im Winter während des Lauftrainings regnerisch ist, hilft es mir, dass ich nicht alleine bin. So kann ich mich leicht motivieren.
Aus Misserfolgen kann ich lernen und bin erst recht motiviert, es das nächste Mal besser zu machen. (Leah)
Und natürlich helfen mir auch meine Freunde und vor allem unsere Familie.
Malin: Ich habe viele Freunde im Sport und deshalb freue ich mich immer auf die Trainings und bin motiviert. Nach einem Misserfolg möchte ich am nächsten Wettkampf besser sein.
Welche Ziele verfolgt ihr für die Zukunft und wie engagiert ihr euch dafür? Wie geht ihr damit um, wenn es in diesem Sport irgendwann nicht mehr weitergehen sollte?
Leah: Mein Ziel ist es, an grossen internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Dafür engagiere ich mich im Training sehr.
Mein nächstes Ziel ist die Junioren-Europameisterschaft im kommenden Juli in der Türkei. (Leah)
Über die Zeit nach dem Sport habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das lasse ich werden.
Malin: Ich wünsche mir auch, an grossen Wettkämpfen teilzunehmen. Ich will regelmässig trainieren und ein gutes Gleichgewicht zwischen Schule und Sport halten. Wenn es beim Sport nicht mehr weitergehen sollte, geht das Leben anders weiter. Es ist aber gut möglich, dass ich dann mit einer der fünf Sportarten als Einzeldisziplin weitermache.
Für wen ist der Moderne Fünfkampf der richtige Sport? Was empfehlt ihr jemandem_ der sich für diesen Sport interessiert?
Der moderne Fünfkampf ist geeignet für Personen, die einen abwechslungsreichen Sport mit vielfältigen Disziplinen suchen. Sie müssen motiviert sein, viel zu trainieren, und den grossen Zeitaufwand in Kauf nehmen. Wer sich interessiert, sollte am besten in die einzelnen Sportarten reinschnuppern und sich bei Pentathlonsuisse informieren. Grundsätzlich trainiert man dann bei den Vereinen der Einzeldisziplinen, ähnlich wie beim Triathlon.
Vielen Dank, liebe Leah, liebe Malin, für diesen Einblick in euer Fünfkampf-Leben und weiterhin viel Freude und Erfolg dabei!
Infos:
Beitrag zum Medaillenerfolg von Leah & Malin Kocher am European Cup in Barcelona