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Farben des Augenblicks: Aline Kaltenrieders intuitive Kunst

Perfekt unperfekt – treffender lassen sich die Werke von Aline Kaltenrieder aus Murten kaum beschreiben. Schon als Kind war das Malen für sie weit mehr als ein Hobby; es war ihre Stimme, ihre wichtigste Art, sich der Welt mitzuteilen. Dabei folgt sie keinem starren Plan. Aline lebt und schafft aus dem Moment heraus. Sie ist ein Mensch, der pure Lebensfreude ausstrahlt – vielleicht gerade wegen der besonderen Perspektive, die ihr Leben mit einer Behinderung ihr schenkt.

von Marianne Oppliger
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Perfekt unperfekt – treffender lassen sich die Werke von Aline Kaltenrieder aus Murten kaum beschreiben. Schon als Kind war das Malen für sie weit mehr als ein Hobby; es war ihre Stimme, ihre wichtigste Art, sich der Welt mitzuteilen. Dabei folgt sie keinem starren Plan. Aline lebt und schafft aus dem Moment heraus. Sie ist ein Mensch, der pure Lebensfreude ausstrahlt – vielleicht gerade wegen der besonderen Perspektive, die ihr Leben mit einer Behinderung ihr schenkt.

Ihre Bilder bestechen seit jeher durch eine frische, fröhliche Energie. Was sie jedoch wirklich aussergewöhnlich macht, ist ihr instinktives Gespür für Farben. Ohne langes Zögern oder theoretische Überlegung trifft sie zielsicher Kombinationen, die harmonieren und berühren. Es ist eine Gabe, die nicht erlernt wurde, sondern tief in ihr verwurzelt ist: rein intuitiv, ehrlich und voller Leuchtkraft.

Eine Sprache ohne Worte: Die bewegende Kunst der Aline Kaltenrieder

Manchmal braucht es keine Stimme, um gehört zu werden. Für Chris Kaltenrieder begann das Jahr mit einer besonderen Entdeckung: Auf ihrem Estrich fand sie eine Sammlung zahlreicher Bilder ihrer Tochter Aline. Was sie dort sah, war mehr als nur eine Ansammlung von Zeichnungen – es war ein Fenster in eine leuchtende, lebensfrohe Welt.

Ausdruck durch Farbe

Aline ist ein Kind, das nie gesprochen hat. Selbst beim Weinen gab sie keinen Ton von sich. Doch ihre Kunst erzählt eine völlig andere Geschichte. Die Werke sind geprägt von einer fröhlichen Intensität und einer Lebensfreude, die im starken Kontrast zu der Stille stehen, die Aline umgibt. Für ihre Mutter wurde beim Betrachten der Bilder schnell klar: Diese Farben sprechen eine eigene Sprache. Es ist keine Sprache der Besorgnis über fehlende Ausdrucksmöglichkeiten oder der Bedrücktheit. Es ist die reine, kraftvolle Mitteilung eines Kindes, das seinen Weg gefunden hat, sich der Welt mitzuteilen.

Von der Entdeckung zur Ausstellung

Bewegt von dieser starken Ausdrucksfähigkeit, reifte in Chris Kaltenrieder ein Entschluss: Diese Bilder dürfen nicht länger im Verborgenen bleiben. Die Welt soll sehen, welche Intensität und Kraft in Alines stummem Dialog mit der Leinwand steckt. Aus dieser Vision heraus entstand die Idee für eine öffentliche Ausstellung. Sie soll zeigen, dass Kommunikation dort nicht endet, wo die Sprache aufhört, sondern dort beginnen kann, wo Farben und Emotionen das Wort übernehmen.

Von den Sorgen einer Mutter: Ein Leben im Ausnahmezustand

Was für viele Eltern als Zeit des Glücks beginnt, wandelte sich für eine Familie in eine Reise voller Ungewissheit. Schon kurz nach der Geburt ihrer Tochter Aline wurde den Eltern schmerzlich bewusst, dass ihre Entwicklung nicht den gewohnten Bahnen folgte. Der direkte Vergleich mit den beiden älteren Schwestern machte die Unterschiede unübersehbar.

Diese Kuh zeichnete Aline mit 19 Jahren, wie immer bei jedem Geschöpf, das von ihr gemalt wurde, mit einem breiten Lächeln und viel Fröhlichkeit.

Aline blieb in allen Bereichen hinter den Erwartungen zurück. Mit dieser Erkenntnis endete die gewohnte Normalität. An ihre Stelle trat ein Marathon aus endlosen Untersuchungen und Therapien, die den Rhythmus der gesamten Familie bestimmten. Ein „normaler“ Alltag, wie ihn andere Familien kennen, war plötzlich nicht mehr möglich. 

Besonders belastend für die Mutter und die gesamte Familie waren die ständigen Ängste um das Kind. Da Aline sich in ihrer Umwelt nicht alleine zurechtfinden konnte und potenzielle Gefahren nicht richtig einschätzte, erforderte ihr Leben eine ununterbrochene Aufmerksamkeit. Diese ständige Wachsamkeit hielt die Familie in Atem und prägte einen Lebensweg, der von grosser Sorge, aber auch von unermüdlichem Einsatz gezeichnet war.

Eine Welt jenseits der Sinne: Das Leben mit Aline

Die Geschichte von Aline ist nicht nur eine Geschichte über Kunst, sondern vor allem auch eine über das Überleben in einer Welt, die für sie nach völlig anderen Regeln funktionierte. Zu der Sprachlosigkeit und den Entwicklungsverzögerungen kamen Hürden hinzu, die für Aussenstehende kaum fassbar sind und die Familie vor eine fast übermenschliche Zerreissprobe stellten.

Eine der emotionalsten Herausforderungen für die Eltern war das tiefe Wahrnehmungsdefizit ihrer Tochter. In einer Phase, in der andere Kinder beginnen, ihre Eltern als sicheren Hafen zu erkennen, blieb Aline diese Verbindung verwehrt. Sie war nicht in der Lage, ihre eigenen Eltern als solche zu identifizieren – ein Umstand, der die natürliche Bindung zwischen Mutter, Vater und Kind auf eine harte Probe stellte. Es war ein Leben mit einem Kind, das physisch anwesend war, dessen Blick jedoch oft ins Leere ging, ohne das vertraute Gegenüber zu registrieren.

Ein Leben ohne Warnsignale

Was das Leben mit Aline im Alltag so gefährlich machte, war ihre Schmerzunempfindlichkeit. Schmerz, der natürliche Schutzmechanismus des Körpers, existierte für sie nicht. Diese emotionale und physische Abkoppelung führte zu dramatischen Situationen: Aline fiel immer und immer wieder von Tischen oder Erhöhungen herab, ohne eine schmerzverzerrte Miene zu ziehen oder daraus zu lernen. Die Flamme einer brennenden Kerze war für sie kein Warnsignal, sondern ein Reiz – sie ließ ihre Finger darin verbrennen, ohne den Schmerzimpuls zu spüren, der sie hätte zurückweichen lassen.

Die Kunst als Anker

Diese extremen Bedingungen erklären, warum die Entdeckung ihrer Bilder auf dem Estrich für die Mutter so viel mehr als nur ein künstlerischer Fund war. In einer Welt, in der Aline ihre Eltern nicht erkennen konnte und ihren eigenen Körper kaum spürte, scheinen die Farben ein Weg gewesen zu sein, eine Brücke nach aussen zu schlagen. Die leuchtenden Werke sind das Zeugnis einer Seele, die trotz der massiven Barrieren der Wahrnehmung einen Weg gefunden hat, sich auszudrücken – lebendig, intensiv und fernab von der Stille ihres Alltags.

Das Lächeln, das alle Barrieren bricht

Trotz der schweren Diagnose, der jahrelangen Ungewissheit und der körperlichen wie emotionalen Herausforderungen gibt es eine Konstante in Alines Leben, die alles andere überstrahlt: ihre unbändige Lebensfreude.

Wer Aline begegnet, trifft nicht auf ein Schicksal, das von Bitterkeit gezeichnet ist. Im Gegenteil: Allen Hindernissen zum Trotz ist sie ein zutiefst glücklicher Mensch. Ihr Lachen ist ihr Markenzeichen geworden, ein Lachen, das sie beständig in die Welt hinausträgt und das zeigt, dass ein erfülltes Leben nicht an herkömmliche Normen gebunden ist. Lassen Sie sich anstecken von Alines Lebensfreude und besuchen Sie die Ausstellung in der Galerie Pellegrini in Murten.

Flyer: