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Vermischtes /Kolumne
René Merz

Wissen kreuz und quer: Feinstaub in Murten selber messen?

Freitag, den 12. April, mittags in einem Laupener Restaurant: Ein kleines Kind sitzt mit seiner Mutter und seinen Geschwistern an einem Tisch, es hustet erbärmlich und in kurzen Abständen. Eigentlich gehört es sofort ins Bett! Gibt es einen Zusammenhang zwischen Grippeepidemien und hoher Feinstaubbelastung? Ja, es gibt wissensschaftliche Studien, die das belegen!

2014 ereigneten sich nach Schätzungen in Deutschland etwa 41'000 vorzeitige Todesfälle durch die Feinstaubbelastung. Feinstaub und Stickstoffoxide sind zusammen mit flüchtigen Kohlenwasserstoffen für das sommerliche, bodennahe Ozon verantwortlich. Sie tragen zur Feinstaubbelastung durch die Verbrennung von fossilen Stoffen wie Kohle, Holz, Gas, Öl und Abfälle bei. In verkehrsreichen Regionen wird NO2 vorwiegend durch Dieselfahrzeuge produziert (Quelle: Luftdaten.info).

Murten im Winter: Smog oder Nebel? (Foto: © 2010 by René Merz/Murten)

An windarmen Orten, wie beispielsweise Stuttgart - weil topologisch in einem Talkessel liegend - sammeln sich die giftigen Gase und Stäube an. Das Atmen kann zur Qual werden! Auch das überhastet anmutende, verdichtete Bauen von Wohnblöcken - ohne vorab mittels Software Luftströmungen und Lichtverhältnisse zu simulieren - verstärkt dieses Problem. Beispiel: Die südlich zum Murtener Bahnhof gelegenen, neueren Quartiere. In den 1980er Jahren konnte nach einem heissen Sommertag ein Wind aus süd-südwestlicher Richtung (Courgevaux) am Abend die Gebäude um den Bahnhof noch abkühlen. Die Luft war so auch weniger stickig!

Die ersten Wohnblöcke auf dem Remundpark-Gebiet sind im 1993 bereits abgesteckt (Foto: © 1993 by René Merz/Murten)

Durch die blockartige Bauweise der neueren Gebäude ist diese Frischluftzufuhr heute abgeschnürt. Es sollte also einleuchten, dass durch verdichtetes Bauen auch die Feinstaubkonzentration ansteigen wird. Man darf verdichtet Bauen: Zuerst sollte der Architekt oder ein Luftströmungsexperte bei der Planung die Gebäudestrukturen in einer 3D-Simulation modulieren und optimieren (eher Pyramiden- oder Kegel-, statt kostengünstigere Blockform anstreben), und erst dann fertig konstruieren. Nur so würde die Frischluftzufuhr in ein Quartier mit mehr als vier Gebäude-Etagen weniger stark beeinträchtigt werden.

Diese Tatsachen und der "Global Warming Effekt" (Quelle: data.giss.nasa.gov) wird also die Gebäudekonstruktion in Zukunft anspruchsvoller machen. Auch die Stadt-, Verkehrs- und Landschaftsplanung wird vor grössere Herausforderungen gestellt werden.

Die Lombard Street in San Francisco mit dem Pyramid Tower im Hintergrund (Foto: © 1988 by René Merz/Murten)

Um daher die Luftqualität am Bahnhof Murten selber überwachen zu können, habe ich mich seit Ende Januar 2019 in die Luftsensorik eingearbeitet und selber eine vernetzbare Sensorenstation gebaut. Diese misst die Lufttemperatur, Luftfeuchte und die Feinstaubwerte für PM10 und PM2,5 (PM: Particulate Matter 10 μm oder 2,5 μm) an der Alten Freiburgstrasse. Auf der Online-Karte unter bern.maps.luftdaten.info können seit kurzem nebst den Feinstaubwerten auch die Lufttemperatur und Luftfeuchte abgelesen werden (Menü im Petrol- farbenen Balken links unten anwählen, dann nach Murten zoomen und Icon anklicken).

So sieht die Feinstaub-Node aus, die Lufttemperatur, Luftfeuchte und die Feinstaubwerte misst.

Damit die Hardware dieser Messstation auch von Nicht-Handwerkern zusammengebaut werden kann, habe ich zu den Sensoren eine Elektronik-Trägerkarte (NodeMCU-Adapter) entwickelt. So kann der preisgünstige Feinstaubsensor (Siehe Foto) rationeller aufgebaut werden. Schwieriger ist es, sehr präzise Lufttemperaturwerte zu erhalten, wenn ab Mittag die Sonne auf den Temperatursensor strahlt. Hierzu arbeite ich an Verbesserungen (Stevenson Screen) und werde bald den restlichen Messfehler noch minimieren können.
Murten hatte meines Wissens bis vor kurzem noch keine Feinstaubmessstation, die nächstgelegenen sind in Payerne oder Bern. Optimal wäre ein engmaschigeres Netz von 3-5 Messstationen an neuralgischen Punkten alleine in Murten. Die Stromkosten pro Node MCU mit Sensorik (ohne Router) belaufen sich auf ca. vier Franken pro Jahr, was zu verkraften ist. Die Kosten für den Server trägt das OK Lab Stuttgart (und Open Knowledge Foundation) durch Spenden.

Quellen: