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Interview: «Das Halbprofitum ist für Schweizer Schiedsrichter eine sehr gute Lösung»

Mit Sandro Schärer pfeift nach neun Jahren wieder ein Schweizer in der Champions League. Der Präsident des FC Kerzers und ehemalige Fifa-Schiedsrichter Guido Wildhaber spricht über die Gründe, die zu dieser langen Durststrecke geführt haben und über die endlosen Diskussionen ums Handspiel.

Mit Sandro Schärer pfeift nach neun Jahren wieder ein Schweizer in der Champions League. Der Präsident des FC Kerzers und ehemalige Fifa-Schiedsrichter Guido Wildhaber spricht über die Gründe, die zu dieser langen Durststrecke geführt haben und über die endlosen Diskussionen ums Handspiel.

Interview: Patric Schindler, Bieler Tagblatt©

Guido Wildhaber, Massimo Busacca hat 2011 seine letzte Partie in der Champions League geleitet. Weshalb dauerte es neun Jahre, bis mit Sandro Schärer wieder ein Schweizer in der Königsklasse im Einsatz stand?

Guido Wildhaber: Die Umsetzung zur Professionalisierung im Schweizer Schiedsrichterwesen wurde erst vor zehn Jahren eingeleitet. Es ist schade, dass es so lange gedauert hat, denn schon vor 20 Jahren lagen Projekte auf dem Tisch. Urs Meier, der ehemalige Chef der Schweizer Schiedsrichter, wollte diesbezüglich vorwärtsmachen. Aber damals hiess es immer, dass man kein Geld habe, um das Halbprofitum in der Schweiz einzuführen. Die Anzahl jener Schiedsrichter, die im Halbprofitum als Unparteiische im Einsatz stehen, wurde in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Heute sind wir gut aufgestellt. Inzwischen haben die Schweizer Schiedsrichter bei den internationalen Verbänden wieder einen besseren Ruf. Nun scheint sich das Halbprofitum langsam, aber sicher auszuzahlen. Es wird auch von der Uefa honoriert, wie das Beispiel Sandro Schärer zeigt.

Es gibt Ligen, in denen die Unparteiischen Profis sind. Weshalb ist dies in der Schweiz nicht der Fall?

Würde jemand in der Schweiz im Alter zwischen 30 und 45 Jahren voll auf die Karte Schiedsrichter setzen, wäre es für ihn schwierig, nach dem Ende seiner sportlichen Karriere in der Privatwirtschaft wieder eine Stelle zu finden. 15 Jahre weg vom Arbeitsmarkt zu sein, ist schon eine lange Zeit. Ich finde das Halbprofitum für die Schweizer Schiedsrichter eine sehr gute Lösung. Sie können nach wie vor in ihrem Beruf arbeiten oder ein Studium absolvieren, haben aber dennoch genügend Zeit, um zu trainieren und sich auf die Partien vorzubereiten. Schliesslich braucht man auch noch genügend Zeit, um zu regenerieren.

Sandro Schärer hat das Gruppenspiel zwischen dem FC Barcelona und Ferencvaros Budapest geleitet. Wie beurteilen Sie seine Leistung?

Ich habe das Spiel nicht in voller Länge gesehen. Aufgrund dessen, was ich gesehen und gelesen habe, hat er einen guten Job gemacht. Seine Entscheidungen waren richtig. Er hat das Spiel so geleitet, wie wenn er seit zehn Jahren nichts anderes machen würde. Genau solche Persönlichkeiten bevorzugt die Uefa.

Seine Premiere war im Oktober. Kann Sandro Schärer noch in diesem Jahr mit weiteren Einsätzen in der Champions League rechnen

Ich schätze seine Chancen gut ein, in den nächsten paar Wochen wieder aufgeboten zu werden. Aber schliesslich hängt dies auch davon ab, was für eine Qualifikation er vom Uefa-Delegierten bekommen hat. Was ich oder andere Zuschauer am Fernsehen sehen, ist nicht dasselbe, was ein Uefa-Delegierter vor Augen hat. Sein Blickfeld ist ein völlig anderes. Fussballfans schauen in erster Linie, was ein Schiedsrichter pfeift. Und wenn ein Zuschauer die Klubbrille aufsetzt, wirds für einen Schiedsrichter noch schwieriger. Der Uefa-Delegierte hingegen schaut, wie sich ein Schiedsrichter präsentiert. Und zwar auch bei Fehlentscheidungen. Weiter wird bewertet, wie er mit den Schiedsrichter-Assistenten zusammenarbeitet. Bei der Qualifikation eines Schiedsrichters spielen nicht nur die fachspezifischen Faktoren eine wichtige Rolle. Was auch für Sandro Schärer spricht, ist das Vertrauen, das ihm die Uefa offenbar schon im Vorfeld seiner Premiere geschenkt hat. Er hat nicht irgendeine Partie gepfiffen, sondern ein Spiel des FC Barcelona. Das ist schon sehr bemerkenswert.

Bei seiner Premiere hat er ein Geisterspiel geleitet. Den Druck des Publikums hat er nicht gespürt. Inwiefern war dies ein Vorteil für ihn?

Zum Einstieg ist ein Spiel ohne Zuschauerinnen und Zuschauer sicher ein Vorteil. Aber vielleicht hätte er dieselbe Leistung auch unter normalen Umständen abrufen können. Es ist einfach von der Nervosität her ein grosser Unterschied, ob man vor 50 oder 80'000 Fans pfeift. Der Druck auf den Schiedsrichter ist in einem vollen Stadion enorm. Allerdings sollten die Umstände in einem Stadion die Entscheidungen der Schiedsrichter nicht beeinflussen.

50 Zuschauerinnen und Zuschauer sorgen andererseits dafür, dass man jeden Zwischenruf hört. Bei 80'000 Fans ist das nicht der Fall.

Zwischenrufe sollte man als Schiedsrichter sowieso ausblenden können. Mein Motto war immer: Ich lasse die Zuschauer nach dem Prinzip Airolo-Göschenen reden. Hier hinein, dort hinaus. Für mich war wichtig, was die 22 Spieler auf dem Platz und jene inklusive Staff auf der Ersatzbank sagen. Alles andere darf den Schiedsrichter nicht interessieren.

Haben Sie einmal ein Geisterspiel gepfiffen?

Nein, dies musste ich zum Glück nie.

Wo liegen in einem solchen Spiel die grössten Herausforderungen für einen Schiedsrichter?

Nicht nur für die Spieler und Schiedsrichter, auch für die Trainer sind Geisterspiele etwas Besonderes. In Dortmund hat man einen Lucien Favre früher im Stadion nicht verstanden, heute hört man fast jedes Wort. In einem Geisterspiel hört der Schiedsrichter Dinge von Spielern, Trainern oder Betreuern, die er sonst unter normalen Umständen nicht hören würde. Und das ist vielleicht auch besser so, denn in gewissen Fällen muss ein Schiedsrichter auch mal beide Ohren zuhalten. Es ist ratsam, nicht alles zu hören oder so zu tun, als wenn man nicht alles mitbekommt. Wenn du nämlich als Schiedsrichter alles, was du hörst, bestrafen willst, dann bis du während eines ganzen Spiels nur noch am Karten verteilen. Fussball lebt von Emotionen, das ist auch wichtig und gut so. Da sagt mancher Spieler auch schon mal etwas, das er nicht sollte und vielleicht auch im Nachhinein bereut.

Wie oft hatten Sie während eines Spiels nicht genau hingehört?

Das war oft der Fall. Aber dies betraf ja nicht nur die Spieler. Es gab Trainer, die immer hinein geschrien haben und mir etwas sagen wollten. Hätte ich ihnen meine Aufmerksamkeit geschenkt, hätte ich schon verloren. Wenn du dich aber abwendest und einen Trainer ignorierst, wenn er dich kritisiert, ist das für ihn viel schlimmer.

Wo haben Sie die Grenzen gezogen, wenn Ihnen Spieler oder Trainer etwas gesagt haben, das sich nicht gehört?

Wenn mir ein Trainer sagte, dass ich heute nicht gerade viel sehen würde, konnte ich damit gut leben. Was aber gar nicht ging, waren persönliche Angriffe unter der Gürtellinie. Dann musste auch mal der Schiedsrichter-Assistent oder der vierte Offizielle einschreiten. In einem solchen Fall habe ich auch nicht mit mir diskutieren lassen. Dann gab es eine Ermahnung oder der Trainer musste auf die Tribüne.

Welcher Schweizer Schiedsrichter wird nach Sandro Schärer wohl zuerst für die Champions League aufgeboten?

Ich tippe auf Alessandro Dudic. Ich kann mir gut vorstellen, dass es noch zwei, drei Jahre gehen wird, bis er in der Champions League pfeift. Zurzeit haben wir in der Schweiz sehr gute Schiedsrichter. Ich blicke diesbezüglich optimistisch in die Zukunft. Wir müssen aber weiterhin nicht nur in die Ausbildung, sondern auch viel in die Weiterbildung investieren. In diesem Bereich hilft ja immer noch Urs Meier mit. Mit seiner langen und auch internationalen Erfahrung kann er den jungen Schiedsrichtern viel mit auf den Weg geben.

Wie wichtig ist die Signalwirkung, die von Sandro Schärer mit seiner Nomination ausgeht?

Diese ist nicht zu unterschätzen. Es braucht jemand, der anderen den Weg nach oben ebnet. Das war auch schon früher der Fall. Ich denke da vor allem an Kurt Röthlisberger, Serge Muhmenthaler, Urs Meier und Massimo Busacca. Diese haben mich während meiner Aktivzeit als Schiedsrichter motiviert und inspiriert. Als Spieler schaut man auf jene, die Karriere machen und man will es ihnen gleichtun. Als Schiedsrichter ist es dasselbe.

Vor zwei Jahren erklärten Sie gegenüber dem Bieler Tagblatt, dass Sandro Schärer der nächste Schweizer ist, der für eine WM aufgeboten wird. Weshalb waren Sie schon damals überzeugt, dass er eine internationale Karriere machen wird?

Ich habe ihn früher inspiziert, als er noch in der 1. Liga Spiele geleitet hatte. Ich merkte schnell, dass er für das Schiedsrichterwesen lebt und jene Leidenschaft mitbringt, die es braucht, um es nach ganz oben zu schaffen. Er präsentiert sich auf dem Platz hervorragend, macht wenig Fehler und steht selten in der Kritik.

Wie gross ist die Chance, dass Sandro Schärer nächstes Jahr an der EM im Einsatz steht?

Er hat sehr gute Chancen, dabei zu sein. Die Frage ist aber, ob dieselben Schiedsrichter nominiert werden, die schon vor der Coronakrise auf der Liste für dieses Turnier gestanden sind. Ich weiss natürlich nicht, ob die Uefa die ganze Selektion der Schiedsrichter neu vornehmen wird. Optimal wäre es, wenn Sandro Schärer in der Champions League bis im Frühling oft zum Einsatz kommt und vielleicht sogar ein K.o.-Rundenspiel leiten könnte.

Die Schiedsrichter stehen im Vergleich zu früheren Jahren in der Super League viel weniger in der Kritik. Inwiefern hat dies auch mit dem Video-Schiedsrichter zu tun?

Der VAR (Video Assistant Referee, Anm. d. Red.) hilft uns enorm. Aber nicht nur dieses technische Hilfsmittel hat dazu geführt, dass die Schweizer besser pfeifen. Die Qualität stimmt zurzeit einfach, und viele junge Schiedsrichter sind ambitioniert.

Wie stehen Sie zum Videoschiedsrichter?

Wenn der VAR matchentscheidende Fehler verhindern kann, bringt er etwas. Und das ist ganz klar der Fall, was die Auswertungen zeigen. In der Super League haben wir auch weniger Diskussionen als in der Bundesliga, weil wir uns beim VAR auf die Szenen im Strafraum konzentrieren. Es gibt immer wieder Verbesserungspotenzial. Aber zu 90 Prozent ist der VAR bislang in der Schweiz eine Erfolgsstory.

Wo kann er noch besser eingesetzt werden?

Wenn es ausserhalb des Strafraums Tätlichkeiten gibt, sollte er auch einschreiten, damit der Schiedsrichter, der sie nicht gesehen hat, dem Spieler die Rote Karte zeigen kann. Auch bei Schwalben müsste man konsequenter durchgreifen und Spieler dank dem VAR bestrafen.

Die Bedenken, dass durch den VAR der Spielfluss allzu oft unterbrochen wird, haben sich nicht bewahrheitet.

Ich sehe das auch so. Mir ist es aber lieber, die Partie wird für eine Minute unterbrochen und der Schiedsrichter schaut sich die Szene nochmals an, als wenn das Spiel durch einen Fehler der Unparteiischen entschieden wird.

Nach Ihrem Rücktritt vor zwölf Jahren hatten Sie gesagt, dass Sie in 160 Spielen der Super League drei matchentscheidende Fehler gemacht hätten. Hätte der VAR Ihre kapitalen Fehler verhindert?

Ja, davon bin ich überzeugt. Dabei ging es um ein Handspiel, um eine Schwalbe und um eine Offsidesituation.

Wie oft ärgern Sie sich als Zuschauer im Stadion über einen Schiedsrichter-Entscheid?

Ich ärgere mich nie darüber. Im Wankdorf rede ich bei umstrittenen Entscheidungen gerne mit den Leuten, die um mich herum sitzen. Wenn es geht, versuche ich immer, die Schiedsrichter in ein positives Licht zu rücken. Ich ärgere mich aber, wenn sich Leute gegenüber dem Schiedsrichter unanständig benehmen. Insbesondere dann, wenn sich Kinder in der Nähe befinden.

Ist der Respekt des Publikums gegenüber dem Schiedsrichter grösser als noch zu Ihrer aktiven Zeit?

Nein, das denke ich nicht. Auf jeden Fall nicht bei den Fans der Klubs. Die schauen sich die Partien ja in der Regel nur aus einer Perspektive an. Aber schliesslich braucht es die Emotionen der Fans in den Stadien. Solang die Fans anständig sind, ist das völlig in Ordnung.

Und wie ist das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Spielern heute?

Da ich nicht mehr auf dem Platz stehe, ist es schwierig, diese Frage zu beantworten. Ich hatte immer ein respektvolles Verhältnis zu den Spielern. Es ist ein Geben und Nehmen. Beide Parteien sind aufeinander angewiesen.

Einmal mehr wird zurzeit zumindest in Europa über eine Neuauslegung des Handspiels diskutiert. Gemäss dem Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin sollen die Schiedsrichter wieder zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel unterscheiden. Finden Sie das eine gute Lösung?

Die Problematik besteht darin, zu entscheiden, ob ein Spieler unabsichtlich oder absichtlich mit der Hand den Ball berührt hat. Das ist äusserst schwierig zu beurteilen. Im Prinzip kann man dies gar nicht.

Was würden Sie vorschlagen?

Sobald der Ball an die Hand geht, handelt es sich um ein Handspiel. Ausser wenn die Hand am Körper anliegt. Es wird auf jeden Fall auch in Zukunft umstritten bleiben. Die Fifa muss diesbezüglich Klarheit schaffen und den Spielraum der Interpretationen einschränken. Die Vorgaben müssen viel klarer sein und alle Verbände und Ligen müssten sich strikt daran halten. Ich hatte dies ja selber als Schiedsrichter erlebt, dass man nicht in jeder Liga mit den gleichen Massstäben gepfiffen hat. In der Schweiz habe ich für einen übertriebenen Torjubel schon mal Gelb gegeben, im Ausland war ich diesbezüglich zurückhaltender. Würden in allen Verbänden und Ligen die Fussballregeln gleich interpretiert, würde dies den Schiedsrichtern enorm helfen.

Sie hatten während Ihrer Karriere den Status eines Fifa-Schiedsrichters und kamen unter anderem bei Uefa-Cup-Partien und Länderspielen zum Einsatz. Wie blicken Sie auf Ihre internationale Karriere zurück?

Ich bin erst mit 40 Jahren Fifa-Schiedsrichter geworden und wusste, dass ich fünf Jahre später wegen der Altersbeschränkung meine Karriere beenden muss. Mir war klar, dass man mich in diesem Alter nicht mehr gross fördern wird. Ich konnte deshalb nicht darauf hoffen, Länderspiele wie Deutschland gegen England, sondern eher Liechtenstein gegen Malta zu pfeifen. Es war eine kurze, aber schöne Zeit, in der ich internationale Spiele leiten konnte. Mein internationales Highlight war der Cuphalbfinal 2002 in Tunis vor 68 000 Zuschauern. Die Stimmung war unglaublich.