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Brütet bald der erste Fischadler seit über 100 Jahren im Seeland?

Anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums des Vogelschutzvereins Nos Oiseaux wurden im Jahr 2015 sechs junge Fischadler von Schottland in die Region Murtensee gebracht. Leider wurde diese Vogelart in der Schweiz vor über 100 Jahren durch Abschüsse und das Stehlen von Eiern aus Nestern ausgerottet. Das Projekt soll helfen, den Fischadler im Seeland wieder anzusiedeln. Nach sechs Jahren kann eine positive Bilanz gezogen werden.

von Joel Rathgeb
am
Der Vogelschutzverein Nos Oiseaux hat im Jahr 2015 ein grosses Fischadlerprojekt gestartet. Der grösste Erfolg wäre, wenn ein Fischadler im Seeland brütet. Dazu kam es bisher noch nicht.

Anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums des Vogelschutzvereins Nos Oiseaux wurden im Jahr 2015 sechs junge Fischadler von Schottland in die Region Murtensee gebracht. Leider wurde diese Vogelart in der Schweiz vor über 100 Jahren durch Abschüsse und das Stehlen von Eiern aus Nestern ausgerottet. Das Projekt soll helfen, den Fischadler im Seeland wieder anzusiedeln. Nach sechs Jahren kann eine positive Bilanz gezogen werden.

«Im Zeitraum von 2015 bis 2020 haben wir insgesamt 66 Vögel vom Aufzuchtsort Bellechasse freigelassen. 62 davon haben Bellechasse verlassen», erklärt Wendy Strahm, Projektkoordinatorin vom Verein Nos Oiseaux. Normalerweise verbringen Fischadler ihre ersten beiden Winter in Afrika und kehren im Alter von zwei Jahren zum ersten Mal nach Europa zurück. Das erste Jahr im Leben eines Fischadlers ist sehr gefährlich. Dies, weil es die erste lange Reise in ein Überwinterungsgebiet beinhaltet. So kehren nur schätzungsweise 20 Prozent wieder nach Europa zurück.

«Bis jetzt sind wir sicher, dass mindestens sieben Vögel von Afrika nach Europa zurückgekehrt sind. Drei Männchen sind ins Seeland zurückgekehrt und ein Männchen wurde dieses Jahr in Belgien gesehen. Dazu sind je ein Weibchen nach Frankreich und Deutschland zurückgekehrt. Ein drittes Weibchen ist ebenfalls zurückgekehrt, aber wir wissen nicht, wohin», so Strahm. Weiter glaubt der Verein, dass mindestens ein weiteres Männchen zurück nach Europa geflogen ist, dieses konnte aber noch nicht identifiziert werden. «Damit kommen wir bis jetzt auf eine Rückkehrrate von 16 Prozent.» Es sei jedoch wahrscheinlich, dass weitere Vögel zurückgekehrt sind, die noch nicht gefunden wurden. Die Tiere wurden bewusst nicht mit GPS-Sendern ausgestattet, da diese den Fischfang der Jungvögel erschweren könnten und somit deren Überlebenschancen schmälern.

Auch 2021 gab es Erfolge

Von den insgesamt sieben Fischadlern, die zurückgeflogen sind, kehrten zwei Männchen im Jahr 2021 ins Seeland zurück: Sie heissen Arthur und Taurus. «Taurus hat in seinem ersten Jahr als erwachsener Vogel im Alter von vier Jahren ein Weibchen gefunden, welches glücklicherweise beringt wurde, so dass wir wissen, dass sie aus Ostdeutschland stammt. Die beiden waren im Sommer über fünf Wochen lang unzertrennlich, was ein gutes Zeichen ist. Wir hoffen sehr, dass beide die Migration überleben und 2022 in die Region zurückkehren werden», erzählt Strahm. Arthur ist mit seinen drei Jahren noch etwas zu jung, um sich fortzupflanzen. Aber das hielt ihn nicht davon ab, während des Sommers zu versuchen, mindestens zwei junge Weibchen in sein Revier zu locken - leider waren auch sie zu jung, um sich fortzupflanzen.
 
Zudem haben in diesem Jahr zwei Weibchen erfolgreich gebrütet: Mouche in Frankreich zog zwei Küken auf und Plume in Deutschland zog sogar drei Küken auf. «In der Schweiz hat noch kein Paar gebrütet, aber wir haben große Hoffnungen für das nächste Jahr!» so Strahm.

Viele Gefahren

Die Hauptgefahren für die jungen Vögel sind der Habicht und der Uhu, die die Küken im Nest erbeuten können. Wenn die Küken flügge werden, kann es zu zahlreichen Unfällen kommen, da sie das Fliegen lernen. Dazu gehören Landungen an Orten, von denen sie nicht wegfliegen können, Stromschläge oder Zusammenstösse mit Stromleitungen und Windrädern. Auch müssen sie lernen, wie man fischt, denn bis zu ihrer Wanderung sind es immer die Eltern, die sie füttern. Dann ist die Wanderung extrem gefährlich, denn bei schlechtem Wetter können sie vom Kurs abkommen und ins Meer stürzen oder sich bei der Durchquerung der Sahara-Wüste verirren. «Eine große Gefahr geht auch von der illegalen Jagd aus. Wir wissen, dass einer unserer Vögel von einem Wilderer in Algerien angeschossen wurde. Er überlebte und wurde wieder freigelassen, aber er gehört nicht zu den Vögeln, die zurückgekehrt sind», erinnert sich Wendy Strahm. «Es gibt leider viele Beispiele dafür, dass Vögel beim Überfliegen des Mittelmeers abgeschossen werden, wobei die schlimmsten Beispiele aus Malta, Zypern, Libanon, Italien und Ägypten stammen. Doch es gibt auch positive Nachrichten: Wenn ein Vogel einmal eine vollständige Wanderung nach Afrika und zurück nach Europa hinter sich gebracht hat, kehrt er in der Regel im nächsten Jahr zurück. Die Rückkehrrate der Vögel, die einmal erfolgreich nach Europa geflogen sind, beträgt 90 Prozent.
 
Weitere Informationen: www.ospreys.ch