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Land und Leute /Kommentar
Guido Kaufmann

Homeoffice will erst noch gelernt sein

Wie verändert sich unser Leben in der Zeit von Corona? Unsere Regionauten berichten darüber. In unserem ersten Beitrag berichtet Guido Kaufmann, wie er seine erste Woche im Homeoffice gemeistert hat.

Wie verändert sich unser Leben in der Zeit von Corona? Unsere Regionauten berichten darüber. In unserem ersten Beitrag berichtet Guido Kaufmann, wie er seine erste Woche im Homeoffice gemeistert hat.

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«Ich mache dann am Freitag Home-Office», so hörte ich es öfters im Geschäft von meinen Mitarbeitenden, wenn sie ausdrücken wollten, dass sie dann eine fällige Pendenz, die etwas längeres und konzentrierteres Arbeiten verlangte, erledigen würden. Zuhause, ohne die vielen Meetings, die im Büro die Zeit fressen, das galt gemeinhin als Rezept, um effizient arbeiten zu können.

Vor zehn Tagen bekam der Begriff Homeoffice dann aber eine ganz andere Bedeutung, sowohl bei meinem Arbeitgeber - einem grossen Schweizer Energiekonzern - und insbesondere auch bei mir und meinen Mitarbeitenden aus der IT. Er stand plötzlich für die Anforderung, den Geschäftsbetrieb in der Zeit von Corona weiter aufrecht zu halten. In der seit einer Weile tagenden Taskforce wurde am Freitagmittag entschieden, das Homeoffice nicht mehr bloss zu erlauben oder gar zu empfehlen, sondern alle Mitarbeitenden, die nicht zwingend vor Ort sein müssen, ins Homeoffice zu beordern. Nicht nur in der Schweiz, auch in Italien, Spanien und all den anderen Ländern. Von einem Tag auf den anderen – mit einem Wochenende dazwischen - galt es, gegen 3000 Homeoffice-Arbeitsplätzen den Zugang auf das Unternehmen zu ermöglichen. Wir befürchteten den IT-technischen «Breakdown». Übers Wochenende wurden Priorisierungslisten von betriebskritischen Leuten aus der Stromproduktion erstellt, die bei einem Zusammenbruch des Netzes Vorfahrt bekämen. Für die IT ein Grosseinsatz, denn bis anhin war die Infrastruktur lediglich als erwähnte Alternative für ein paar wenige konzipiert.

Am Montag war es dann soweit, das ganze Unternehmen startete von zuhause aus in die neue Arbeitswoche. Auch ich hatte mein persönliches Homeoffice übers Wochenende noch besser eingerichtet, nicht nur um «ungestörter» arbeiten zu können, sondern auch, um für die sich doch länger abzeichnende Phase im Haus eine klarere Trennung zwischen Berufs- und Privatleben herzustellen. Der berufliche Terminkalender war noch weitgehend mit Sitzungszimmern hinterlegt, die nun schrittweise durch Links mit Skype-Sitzungen ersetzt wurden. Vom Zweiermeeting bis zur grösseren Sitzung mit gegen 30 Leuten sollte plötzlich alles über virtuelle Konferenzen abgewickelt werden. Nicht einfach den Kollegen nebenan kurz etwas fragen, sondern schnell einen Chat starten oder einen Skypeanruf tätigen, stellten wir uns vor. Die neuen Technologien erlauben dies doch zwischenzeitlich ganz komfortabel.

Ich war erstmals erleichtert, dass alles funktionierte und fand es nebenbei ganz cool, dass ich mir den langen Pendlerweg nun bis auf weiteres sparen konnte und so auch früher zuhause war und bei diesem herrlichen Frühlingswetter etwas Sport treiben konnte. Tatsächlich, fast disziplinierter wurden grosse Sitzungen abgewickelt und wer sich zu Wort melden wollte, kündigte dies mit seinem Vornamen an, damit man auch wusste, wer nun gerade seinen Beitrag vortrug. Mit einem Ohr in der Sitzung, die dann aber – wie man es halt kennt – auch virtuell nicht immer so effizient abläuft, kann nun aber zwischendurch unauffällig gleich noch eine Mail beantworten werden, ohne dass dies die anderen bemerken würden, denn mit einem Ohr ist man ja trotzdem dabei.

Am ersten Abend war ich dann aber zu meiner Überraschung fix und fertig. Die permanente Anwesenheit in den Telefonkonferenzen hatten mich mehr als normal ermüdet. Nicht nur am Montag, sondern auch Dienstag, Mittwoch, usw. - es ging die ganze Woche so weiter. Der Freitagabend, nach einer ersten Woche Homeoffice, war dann richtiggehend eine Erlösung, nach einer eigentlich – abgesehen von ein paar weiteren Taskforce-Sitzungen – «normalen» Arbeitswoche. Es beruhigte mich dann doch etwas, als meine Mitarbeitenden die Woche mit demselben Fazit abschlossen. Wir müssen unseren Arbeitsmodus noch finden, das Büro einfach nach Hause zu verlagern und statt miteinander zu reden nun zu telefonieren, kann nicht der Homeoffice-Modus sein. Es braucht auch neue Arbeitsweisen und Spielregeln, um effizient und weniger gestresst zu sein, waren wir uns einig. Homeoffice bietet zudem auch ganz neue Möglichkeiten, wie den Tag hindurch eine Pause einzuschalten und vielleicht eine Stunde Sport zu treiben oder für eine konzentrierte Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes mal für eine bestimmte Dauer abzuschalten, ohne dass der Büronachbar stört.

Homeoffice muss erst noch gelernt sein. Ein paar Wochen werden wir dazu wohl zwangsläufig noch Zeit haben, um diesen neuen Arbeitsmodell, das nicht nur für eine Freitags-Büroauszeit steht, zu erlernen. Vielleicht können wir nach diesem auferlegten Wechsel in der Arbeitsweise das klassische Büro- und das neue Homeoffice-Modell dafür später viel besser und mit seinen erhofften Vorteilen in unseren Berufslalltag einbauen.