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10 Mädchen erobern Murtens Theaterbühne und die Herzen der Zuschauer im Sturm

von Karin Ledermann
am
(Foto: Roger Blumner)

Erwartungsvolles Flüstern im fast bis auf den letzten Platz belegten Saal. Dann betritt Eugen(ia) die Bühne, natürlich mit dem Klassiker "Mein Name ist Eugen" in der Hand. Und wie in Schädelins Vorlage aus den 1950er-Jahren, heckt auch heute Eugen mit seinen Freuden*innen Streiche aus, nur dass aus den Lausbuben 'Lus-Chind' geworden sind. Denn ob Bub oder Mädchen, "mit 13 Jahr chunnt alles chli dürenand ...muesch eifach mit dem Chopf dür d’Wang". Die Rollen der drei besten Freunde Eugen(ias) sind doppelt belegt, da sind Eduard(a), Wrigley und Bätscheli/Änneli.
 
Auf einer Leinwand projektiert sehen wir die 'Lus-Chind' in Berns Altstadt an fremden Haustüren klingeln oder Pneu aufstechen. Sie erzählen von ihren Streichen und während einer erzählt, setzen die anderen das Geschehen lustig in Szene.
 
Im Estrich finden Eugen(ia) und seine drei besten Freunde, nebst Gummiboot, einen alten Brief. Der geheimnisvolle Text, davon sind sie überzeugt, stammt von einer wahren Heldin. Was macht eine Heldin? Für einen ist es eine Naturforscherin oder Frauenrechtlerin, für eine andere Tänzerin oder Umweltretterin. Dass sie diese Heldin finden müssen, wird ihnen im Pfadilager (just in dem Moment, da sie zum Ausheben einer Latrine verdonnert werden) klar. Sie hauen ab.
 
Auf ihrer Reise erleben die Ausreisser*innen allerlei Abenteuer, aber sie geben auch ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen preis. Was, wenn man nie die Liebe findet, was überhaupt heisst Liebe? Warum vernachlässigen einem die Eltern? Schafft man es, Künstlerin zu werden, sich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen? Warum wird ein Unterschied zwischen weiblich und männlich, gross und klein, schwarz und weiss gemacht?
 
Wie ergeht es den kleinen Schwestern daheim, während die 'Grossen' nach ihrer Heldin suchen? Nachdem sie zuerst froh sind, Ruhe zu haben, kommt die 'längi Zyt' nach den Geschwistern und schliesslich die Angst. Schweizweit werden die Abenteurer*innen gesucht, was, wenn ihnen etwas zugestossen ist?

Es wird gehüpft, gekrochen, gesprungen und gesungen, Querflöte, Piano und Geige gespielt, gelacht und geweint. Es wird getanzt, elegant, verrückt und poetisch. Die Mädchen haben das Stück zusammen mit Andrea Umiker selber inszeniert. Sie haben die Szenen erarbeitet, ihre Ideen eingebracht, sich mit Geschlechterklischees, Freiheit, Umwelt auseinandergesetzt und die Texte (mit)geschrieben.
 
Natürlich finden die Ausreisser*innen sowohl nach Hause als auch ihre Heldin, allerdings auf etwas andere Weise, als sie es erwartet hatten. Und die Heldin hat eine Botschaft, die sich an uns alle richtet.
 
Als der Vorhang fällt, ist der Applaus lang und anhaltend, die Schauspielerinnen rotwangig und strahlend.
 
Die Tänzerin Lis tanzt (oder schwebt) noch nach der Vorstellung. Moriane, alias Eugen(ia), erzählt, sie hätten vor der Vorstellung alle zusammen meditiert, aber Lampenfieber habe sie halt gleichwohl gehabt. Aber kaum sei sie auf der Bühne gestanden und habe den ersten Satz gesagt, sei alles gut gewesen. Zwei kleine Schauspielerinnen weinen aufgelöst, erleichtert und sicher auch glücklich in den Armen ihrer Mamas. Der Vater eines Mädchens berichtet, die Tochter hätte vor einigen Wochen am liebsten alles hingeschmissen, nun sei sie glücklich und stolz – wie auch er.
 
Beim traditionellen Premieren-Imbiss lassen sich die ausgelassenen Schauspielerinnen von Familie und Freunden umarmen und beglückwünschen. Und das zu Recht – ein lebendiges, unterhaltsames Stück, erarbeitet mit Disziplin, Freude und viel Herzblut.

Das Stück wird noch am Donnerstag, 26. Mai, Freitag, 27. Mai und Samstag, 28. Mai (Dernière) aufgeführt.

Weitere Informationen und Ticket-Reservation: www.kellertheatermurten.ch